Wer von Norden nach Forst an der Weinstraße hineinfährt, wird von einem Ungeheuer begrüßt. Auf einer Mauer aus Sandsteinblöcken liegt ein geflügeltes Wesen, halb Drache, halb Raubtier, daneben ein Schild, das den Ort als Heimat der besten Weinlagen der Pfalz ausweist. Am südlichen Ortseingang steht ein zweites Exemplar. Wer die beiden Skulpturen zum ersten Mal sieht, schließt daraus zuverlässig das Naheliegende: Ein Winzerdorf hat sich ein Wappentier zugelegt, ein bisschen furchteinflößend, ein bisschen Selbstironie.

Die Weinlage, auf die die Steine anspielen, heißt tatsächlich „Forster Ungeheuer". Nur ist das Ungeheuer kein Fabelwesen. Es ist der Name einer Familie – und damit ein Stück Verwaltungsgeschichte, das seit Jahrhunderten auf jedem Etikett steht, ohne dass jemand es bemerkt.

Ein Flurname, der älter ist als die Anekdote

Die Geschichte, die in Weingütern und Weinführern am häufigsten erzählt wird, geht so: Die Lage ist nach Johann Adam Ungeheuer benannt, einem Amtsschreiber in Deidesheim, der 1699 urkundlich genannt wird. Die Familie Ungeheuer war in der Gegend ansässig, bis ins 19. Jahrhundert hinein lassen sich ihre Spuren verfolgen. An der Kirche im benachbarten Mußbach erinnert ein Grabstein an Sebastian Ungeheuer, gestorben 1668, der drei Jahrzehnte lang als Schaffner, also als Verwalter, für den Johanniterorden tätig war.

Diese Erklärung ist gut belegt, und sie ist auch plausibel. Sie ist nur nicht der Anfang der Geschichte. In einem Deidesheimer Weistum, einer Sammlung von Rechtsweisungen, taucht um 1470 die Flurbezeichnung „an den Ungehwerin" auf – mehr als zwei Jahrhunderte, bevor der Amtsschreiber aktenkundig wird. Ob mit dieser Eintragung schon genau die Fläche westlich von Forst gemeint war, lässt sich nicht beweisen; die Gemarkungen von Deidesheim, Niederkirchen und Forst waren lange eng verzahnt. Aber der Name selbst ist damit älter als die Person, die ihn angeblich geprägt hat.

Zwei Erklärungen, ein Wort

Der Heimatkundler, der diese Spur in den 1930er-Jahren verfolgte, hielt trotzdem an der Herkunft aus dem Personennamen fest – und stützte sich dabei auf eine Beobachtung, die bis heute gilt: Weinlagennamen in der Region sind auffällig oft von Besitzerfamilien abgeleitet. Er nannte als Beispiele das Wachenheimer Grümbel, das nicht von „Gerümpel" kommt, sondern von der Familie Grümb von Bechtolsheim, und den Forster Cranich, der auf die Familie Cranich von Kirchheim zurückgeht. Vor diesem Hintergrund sei die Ableitung vom Geschlecht der Ungeheuer „berechtigt".

Daneben steht eine zweite, ältere Deutung, die der Weinbaufachmann O. Stäng 1930 im „Weinblatt" vorschlug. Danach weist „Ungeheuer" auf ein Stück Land, das noch nicht eingefriedet und wirtschaftlich nutzbar gemacht war: auf wildes, unbebautes Gelände. Im Mittelhochdeutschen lautete das Wort „ungehuwer" – und bezeichnete eben nicht ein Monster, sondern etwas Ungehegtes, nicht Eingezäuntes.

Beide Erklärungen schließen einander nicht aus. Ein Flurname für unkultiviertes Land kann Jahrhunderte älter sein als die Familie, die ihn später trug, und ein Schreiber kann seinen Namen an eine Flur weitergegeben haben, die schon so hieß. Wer heute auf das Etikett schaut, sieht in jedem Fall das Ergebnis eines Prozesses, der im Spätmittelalter beginnt und im 17. Jahrhundert schriftlich greifbar wird.

Warum Bismarck daran schuld ist

Dass aus dem Amtsschreiber ein Mythos wurde, hat einen anderen Grund: Otto von Bismarck. Der Reichskanzler soll nach dem Genuss eines Weins aus dieser Lage gesagt haben, dieses Ungeheuer schmecke ihm ungeheuer – oder, in einer anderen überlieferten Fassung, „ungeheuerlich". Ob der Satz so fiel, ist nicht belegt; die Anekdote wird in mehreren Varianten erzählt, und schon die zeitgenössische Presse hat sie mit einem Augenzwinkern weitergegeben.

Belegt ist dagegen, wie sehr man in Forst den Kanzler verehrte. 1885, zu seinem 70. Geburtstag, legte die Gemeinde westlich des Ortes am Waldrand die Bismarckhöhle an, mit einer Gedenktafel, deren Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen seinen Namen ergeben. Ein Dorf, das seinem Staatsmann eine Grotte in den Hang gräbt, ist auch für einen Weinwitz zu haben. Der Satz blieb haften, wanderte in Verkostungsnotizen und Prospekte – und verfestigte das Bild vom Ungeheuer im Glas.

Was hinter dem Namen liegt

Von der Anekdote abgesehen, ist die Lage selbst gut dokumentiert. Sie liegt westlich von Forst am Fuß des Haardtrands, am Waldrand und damit windgeschützt, auf 120 bis 170 Metern über dem Meeresspiegel. Der Boden ist ein Mischung aus verwittertem Buntsandstein mit Ton- und Sandschichten, Kalkgeröll und einzelnen Einschlüssen von Basalt – Gestein, das vom Pechsteinkopf stammt, dem einzigen Vulkan im Rheingraben. Diese Mischung speichert Wasser und gibt Mineralstoffe frei; nach Osten leicht geneigt, erwärmt sie sich tagsüber gut, während nachts kühle Luft aus dem Pfälzerwald zufließt.

Die Fläche wird je nach Erhebung mit 29 bis 38 Hektar angegeben, in der Regel ist von gut 30 Hektar die Rede. Sie gehört zur Großlage Forster Mariengarten. Bei der bayerischen Bodenaufnahme Ende der 1820er-Jahre wurde sie als Spitzenlage eingestuft – eine Bewertung, die in einer Zeit entstand, in der Weinbauern begannen, Lagen systematisch nach ihrer Qualität zu unterscheiden. Angebaut werden überwiegend Riesling und Scheurebe; in Forst insgesamt liegt der Rieslinganteil bei rund 85 Prozent der etwa 180 Hektar Rebfläche.

Wer die Weine kennt, beschreibt sie häufig ähnlich:

  • Frucht: Aprikose, Pfirsich, bei reiferen Jahrgängen auch exotische Noten.
  • Mineralik: salzige, kalkige Anklänge, mitunter eine Spur Rauch oder Feuerstein.
  • Struktur: dichte, extraktreiche Weine mit ausgeprägter Säure und guter Lagerfähigkeit.

Der frühe Austrieb und die frühe Reife, die aus der geschützten Hanglage resultieren, gelten als Erklärung dafür, dass die Trauben hier regelmäßig ein hohes Reifeniveau erreichen. Das ist keine Werbesprache, sondern der Grund, warum aus dieser Fläche seit Jahrzehnten Große Gewächse und edelsüße Weine kommen.

Ein Name als Archiv

Man kann das Ungeheuer also auf zwei Arten lesen: als Scherz über ein Fabelwesen, das die Gemeinde selbst auf ihre Ortseingänge gestellt hat, oder als Eintrag in einem Archiv. Die zweite Lesart ist die interessantere. Sie erzählt von einer Familie, die über Generationen in Deidesheim und Mußbach Ämter bekleidete, von Flurstücken, die nach ihren Besitzern gerufen wurden, und von einer Verwaltung, die solche Namen so genau festhielt, dass sie den Besitzerwechsel um Jahrhunderte überdauerten.

Wer heute ein Glas Forster Ungeheuer bestellt, bestellt also nicht das Etikett, sondern einen Ort: einen nach Südosten geneigten Hang am Waldrand, mit Basalt im Boden und einer Geschichte, die vor dem ersten Fass begann. Dass der Name dabei so sperrig klingt, ist Teil seines Glücks – kaum eine Lage der Pfalz bleibt so leicht im Gedächtnis.

Wenn Sie die Weinberge selbst sehen möchten: Von Forst aus führen mehrere Wege in die Lage hinein, und der Lagenstein westlich des Dorfes verzeichnet die Namen der Forster Weinberge. Wie sich die Nachbarlage Forster Kirchenstück geschichtlich einordnet, lesen Sie in unserem Beitrag zum Forster Kirchenstück; wer die Betriebe der Umgebung kennenlernen will, findet in den Weingütern rund um Forst eine Übersicht.

Unser Haus trägt diesen Namen seit jeher – und schenkt ihn im Glas aus. Wenn Sie das Ungeheuer probieren möchten, ohne eine Flasche zu kaufen, ist ein Wein-Flight der einfachste Weg; wer lieber gleich sitzen bleiben möchte, reserviert am besten einen Tisch: Reservierung.